Über den Altbau II

Der Artikel von Matthias Warkus erinnerte mich an eine Architekturanalyse, die ich mit drei Freunden während unseres Studiums in den 80er und 90ern genau zu diesem Thema entwickelt hatte und die ich hier gerne vorstellen möchte.

Zunächst muß man feststellen, daß diese Vorliebe für Altbauten ja nicht nur für die Wohnung an sich gilt, sondern – vielleicht noch stärker – auch für Altbauviertel im Ganzen. Warum ist das so? Den Erklärungen, die Matthias Warkus anbietet stimme ich in vielerlei Hinsicht zu, ich finde jedoch, daß man diese Frage auch mit formal-ästhetischen Argumenten beantworten kann.

1.) Proportionen:
Das gilt sowohl für Gründerzeitviertel, als auch für die Wohnungen darin. Man findet dort überall „Hochformate“, diese lassen Licht herein und ergeben eben dieses „luftige Raumgefühl“.
Gedankenexperiment #1 zum Test: Fachwerkaltbauten werden trotz ihres Alters oder ihrer Authentizität doch als eng, dunkel und bedrückend wahrgenommen. Das gilt sowohl für die Wohnungen, als auch die Gassen und Sträßlein dieser Städte. Allerdings: sie wirken immer noch sympathischer, als reine Neubaugebiete, das hat mit meinem Punkt 3.) und 4.) zu tun. Ein zweites Gedankenexperiment um diese Idee zu testen: wer mal in Gründerzeitwohnungen in der vierten oder fünften Etage gewohnt hat oder diese öfter besucht hat, der weiß, daß es diesen Wohnungen viel von dem Charme der Beletage mangelt. Die Proportionen tendieren zum Querformat (denn die Geschoßhöhen nehmen mit den Stockwerken ab) und es wurde auch zunehmend am Schmuck (=Stuck) gespart.

2.) Grundrisse:
Der eigentlich offensichtlichste Grund für die Beliebtheit von Gründerzeitwohnungen und insbesondere der Grund warum die sowohl als WG als auch als Familienwohnung taugen. In den Wohnungen seit der Moderne (20er Jahre) herrscht ein festes Grundrißschema vor: das Wohnzimmer nimmt 25% der Fläche ein, das Elternschlafzimmer ca 16%, Kinderzimmer, Küche, Bad je unter 10%, der Rest sind Flure. Die Zimmer sind untereinander nicht erreichbar, sondern werden alle über den Flur erschlossen. Das heißt in der Konsequenz, daß die Nutzung des einzelnen Zimmers faktisch „in Beton gegossen“ ist. Wenn sich die Nutzungsanforderungen ändern, bleibt einem nichts anderes übrig als die Wohnung zu wechseln.
Dagegen haben (klassische) Gründerzeitwohnungen relativ gleichwertigere Zimmer, die auch i.d.R. durch einen sogenannten „Rundlauf“ miteinander verbunden sind, d.h. man kann von Zimmer zu Zimmer gehen ohne den Flur zu betreten. Der Grund dafür ist ein Abbild der damaligen ständischen Gesellschaft: die Dienstboten versorgten die Herrschaft über den Flur, während diese sich nur von Zimmer von Zimmer bewegten ohne der Mamsell begegnen zu müssen. In größeren Gründerzeitwohnungen, die noch den ursprünglichen Grundriss haben gehört konsequenterweise oft ein schmuckloser Dienstboteneingang (mit steiler, nüchterner Treppe) von der Rückseite dazu.

Hamburger Altbauwohnung: 220 qm, 6 Zimmer

In den 70ern entdeckten Studenten dann, daß man dieses eigentlich spießbürgerliche Konzept auch völlig anders interpretieren kann: diese Wohnungsgrundrisse eigneten sich hervorragend für Wohngemeinschaften! Als viele dieser WGS dann in die Jahre kamen und „verbürgerlichten“ konnten diese Wohnungen leicht an die Bedürfnisse der nun entstehenden Familien angepaßt werden.
Dem voraus gegangen war aber bereits eine Umwandlungswelle in den 50ern, als 15 Millionen Flüchtlinge in den westdeutschen Städten untergebracht werden mußte. Im Zuge dieser Umwandlung wurden viele dieser Wohnungen in mehrere kleinere Wohnungen aufgeteilt.
Gedankenexperiment zum Test: Neubauwohnungen ab den 50ern kann man nicht mehr aufteilen, selbst die Wohnungen, die im Laufe der letzen beiden Jahrzehnte entstanden sind.

3.) „Feinkörnigkeit“ und Komplexität der Gestaltung
Wir halten diesen Punkt für das wichtigste Merkmal guter (Wohn-) architektur, der allerdings recht schwer zu beschreiben ist. Am besten gelingt das durch ein Experiment das man prima in der Stadt selber nachvollziehen kann):
Geh in ein Neubauviertel aus den 70ern oder 80ern und stell Dich so hin, daß Du ein einzelnes Gebäude mit einem Blick erfassen kannst. Schau Dir die architektonischen Merkmale an, die Geschoßaufteilung, die Anzahl der Fenster, die Materialien, etc. Du wirst schnell feststellen, daß die Wohnarchitektur der Moderne sehr regelmäßig ist: die Geschosse sind alle gleich hoch, die Fensterformate sind weitestgehend gleich, es gibt keinen Schmuck und die Materialien sind nach pragmatischen Gesichtspunkten gewählt.
Nun gehe auf das Gebäude zu und achte darauf, ob und welche neuen Details und Aspekte Du an dem Gebäude entdeckst. Du wirst i.d.R. feststellen, daß Du ab einer Entfernung von ca. 10 Metern keine neuen Details mehr entdecken wirst, allerdings wird je näher Du kommst die (unschöne) Alterung der Materialien zunehmend sichtbar. Nur bei sehr wenigen Gebäuden wirst Du einen Gestaltungswillen im Nahbereich entdecken, stattdessen dominieren meist Materialen, die billig und „pflegeleicht“ sind.

Dagegen ein Wohnhaus aus der Gründerzeit: Schon aus der Ferne wirst Du eine komplexere Form erkennen: jedes Geschoß hat eine andere Höhe, in jedem Geschoß haben die Fenster etwas andere Formate und andere Rahmen, es gibt Gliederungsprofile und Du siehst viele Details, deren genaue Form Du aber erst erkennst, wenn Du näher kommst. Aus 10 Metern siehst Du dann Gesichter und Löwenköpfe oder Blumengirlanden des Fassadenschmucks. Kommst Du noch näher werden in Deinem Blickfeld immer neue Details erkennbar, bis hin zum verschnörkelten Rahmen des Klingelknopfs oder den Spuren des Meisels an einem Werkstein.
Dabei spielt es keine große Rolle, daß all diese Schmuckelemente bereits damals weitgehend vorfabrizierte Dinge waren (und deswegen damals von Architekturkritikern hart kritisiert wurden). Denn diese Dinge beschäftigen unseren Ortssinn und unseren Geist. Ein verschnörkeltes Klingelschild wirkt eben nicht banal, im Gegensatz zur 0-8-15-Version aus dem Baumarkt.

Dieser Sachverhalt führt direkt zu
4.) „In Würde altern“
Es gibt zwei Faktoren die das „würdevolle Altern“ begünstigen: die Materialwahl und die Komplexität der Gestalt.
Gründerzeitbauten wurden an wesentlichen Details aus „soliden“ Werkstoffen gebaut: Vollholz, Gusseisen, Messing, (wenig) Glas, Kacheln, Kalkputz.
In der Moderne wurde es üblich wesentlich billigere Kompositbaustoffe zu nutzen: Pressspan, Laminat, Furniere, Zement-Rauhputz, Kunststoff; Gestaltelemente aus Metall wurden zunehmend aus Profilen zusammengeklebt.
Kompositbaustoffe altern jedoch sehr schlecht: sie nutzen nicht ab, sondern gehen kaputt. Und ein kaputtes Detail lädt zu weiterem respektlosen Verhalten ein. Und so verkamen die Neubauten in den 70ern in Rekordzeit.
Man kann das aber auch heute beobachten: diese wunderbar kubischen Neubauten, die so schön auf den Plakaten der Immobilienvermarkter aussehen, wie schäbig sehen diese Fassaden nach den ersten beiden Wintern aus? Grünalgenwuchs zieht sich wie Rotznasen links und rechts der Fensterbretter entlang, an den Fußpunkten bröckelt der Zementputz, die Plastiknetze, die den Putz zusammenhalten sollen werden sichtbar und lassen wie eine ausfransende Naht die Lieblosigkeit ihrer Entstehung erkennen.
Es sind diese Bauten, die Sprayer einladen. Auf der plastisch gestalteten Fassade eines Gründerzeitbaus kommt die „Duftmarke“ des pubertierenden Graffiti-„Künstlers“ ja auch gar nicht zur Geltung…

Die Moderne kann auch sehr schön altern, aber dann muß der Architekt handwerklich denken und handwerklich bauen. Sensationell schön gealterte Bauten hat Carlo Scarpa erschaffen. Wer mal nach Verona fährt muß sich unbedingt das Museum Castelvecchio anschauen!

Wer sich ein bißchen einstimmen möchte, der kann mal bei YouTube nach „Dieter Wieland“ suchen. Der produzierte in den 70ern eine Sendereihe im Bayerischen Fernsehen in der er mit der Zerstörung der Heimat im Namen der Moderne hart ins Bericht ging. (Wieland ist politisch alles andere als ein „Tümler“, sondern hart links angesiedelt, seine Kritik hatte viel von Kapitalismuskritik.)